Ein junger Mann

Ein junger Mann

Jonathans Weg

› An dieser Stelle erzählt Jonathan die Geschichte seiner Suche nach Männlichkeit, nach seinem Mannsein. Jonathan ist Jahrgang 1998, initiierter Mann (YMROP – Young Men’s Rites of Passage), Handwerker und wie alle Männer unterwegs. Er steht zwar noch  am Anfang seiner „Reise“, hat aber schon einiges zu erzählen. Doch lest selbst.

Mein Vater, mein Held

Mannsein. Ein Wort, das mich immer fasziniert hat. Was bedeutet es für mich? Als ich ein kleiner Junge war, hieß Mannsein für mich, so zu sein wie mein Vater. Er war mein Held. Immer, wenn er etwas mit mir unternahm, war das etwas ganz Besonderes. Ich wollte, wenn ich groß wäre, so sein wie mein Vater. Eigentlich naiv und gleichzeitig ein Lob an meine Eltern, die es schafften, ihren Stress, ihre Sorgen und Beziehungsprobleme gut vor mir und meiner Schwester zu verstecken. So war ich einfach beeindruckt davon, wie mein Vater war.

Das Bild bekommt Risse

Doch natürlich blieb das nicht so. Als ich wie jedes Kind irgendwann in die Pubertät kam, bekam dieses Bild von meinem Vater Risse. Er war nicht mehr mein Held.

Er war einfach nur noch doof.

Ich war genervt von seiner Art, seinen Anweisungen und seinen Versuchen, mich zu erziehen, fühlte mich von ihm eingeschränkt.

Trotz allem geliebt

Doch was mir im Rückblick auffällt, scheint mir heute wichtiger denn je und ist für mich ein entscheidender Aspekt echter Männlichkeit: Ich habe mich trotz all dem immer geliebt und respektiert gefühlt.

Damals war mir das nicht klar, und ich habe mich mit Händen und Füßen gegen jede Art von Erziehung und auch häufig gegen Unternehmungen mit meinen Eltern gewehrt.

Es war wohl eine sehr harte Zeit für meine Eltern. So baute ich eine große Distanz auf zu meinem Vater. Er war nicht mehr mein Held, er war einfach nur ein alter Spießer.

Da ich zu dieser Zeit auch in der Schule nicht gerade beliebt war, hatte ich auch hier keine richtige Bezugsperson. Die Lehrer waren genauso wie mein Vater, nur noch weiter weg. Von meinen Mitschülern ganz zu schweigen. Und so waren auch ihre klassischen Helden nicht die Helden meiner Jugend. Ich hatte keine Helden mehr. So war ich völlig orientierungslos. Das war eine der schlimmsten Zeiten für mich. Auch die wenigen Freunde, die ich hatte, gaben mir nicht den Kompass, den ich so dringend gebraucht hätte.

Dankbar für die Zeit der Einsamkeit

Ich merkte, mir fehlte etwas, etwas unglaublich Wichtiges! Ich wusste nur nicht was. Im Rückblick bin ich, so seltsam es klingen mag, dankbar für diese Zeit der Einsamkeit. Sie ermöglichte mir überhaupt erst, mir die Frage zu stellen, was mir fehlte. So kam ein weiterer Teil echter Männlichkeit zu mir, ohne dass ich es merkte oder wollte: Die Fähigkeit, Durchzuhalten und sich selbst zu hinterfragen.

Der schwere Weg vom Jungen zum Mann - scheinbar getrennt und doch vereint

Suche nach Identität

Mein Verhältnis zu meinem Vater war zu diesem Zeitpunkt ziemlich nüchtern und kalt. Und ich bewundere, wie er das augehalten hat. Das war für mich unfassbar schwer. Denn ich hatte nicht den Mut, mich an meinen Vater zu wenden und über meine Gefühle zu reden.

Nicht, dass ich es nicht gelernt hatte. So irrte ich bis in die Zeit meiner Ausbildung hin und her in einem Nichts-sein / Nichts-Genaues-sein. Mein Beruf machte mir zwar Freude, aber er war nichts, um mich zu definieren. Es war mir instinktiv klar: mein Beruf würde mir keine eigene Identität, keine Bedeutung geben. Handwerk war schon immer voll von Klischees.

Der Riss, durch den das Licht einfällt

Und in diesem Chaos war es nicht ich, der daran weiterarbeitete, sondern mein Vater. Während ich arbeitete, nahmen die Spannungen bei uns zuhause, wo ich immer noch wohnte, immer weiter zu. Und ich bin meinem Vater bis heute dankbar, das er mich bei Seite nahm und mich konfrontierte, um mit mir zu reden.

Das war für mich so beeindruckend, die Art und Weise und der Mut, der dazugehört haben muss. Da war es wieder der Glanz des Helden meiner Kindheit, zumindest ein kleiner Glanz dessen. Wieder ein Moment wo sich für mich wahre Männlichkeit zeigte, Konflikte zu führen, die geführt werden müssen, ruhig aber zielgerichtet. Hart in der Sache, aber weich zum Menschen.

Er fragte mich warum ich mich so verhielt und er ließ nicht locker, bis ich auspackte, die ganze Kiste.

Um das Geschenk betrogen?

Dass ich jetzt in einem Alter war, wo mir jeder sagte, ich sei erwachsen, ich sei jetzt ein Mann und dabei hatte ich doch keine Ahnung, was das heißen sollte, was das war – männlich.

Ich war der kleine Junge von damals, der jetzt ein Mann sein wollte, aber nicht wusste, wie. Und der sich um dieses unglaublich wichtige Geschenk, nein, um dieses Anrecht betrogen fühlte.

Der Ausweg

Mein Vater hatte ein Jahr zuvor seine Initiation erfahren. Er hatte da seine ganz eigenen Geschichten und Kämpfe gehabt, doch ich glaube, er erkannte einen Teil meiner Verzweiflung wieder. Und so riet er mir, ohne Druck, ohne Zwang oder irgendeine Form der Beeinflussung, zu den Büchern von Richard Rohr. Diese Art des Rats war und ist für mich auch ein wichtiger Teil des wahren Mannseins.

Und so befasste ich mich mit den Büchern. Nicht, um meinem Vater einen Gefallen zu tun, nicht um ihn zu beeindrucken, sondern weil ich keinen anderen Weg wusste, weil ich ihm immer noch vertrauen konnte.

Wie dankbar ich dafür heute noch bin, weiß er, glaube ich, gar nicht.

In diesen Büchern fand ich endlich ein Bild vom Mannsein, zu dem ich Jaj sagen konnte. Wahre Männlichkeit war so einfach, so greifbar und doch nicht leicht. Aber der einzig richtige Weg. So entschied ich mich und erfuhr 2018 meine Initiation ins Mannsein.

Seitdem ist nichts mehr so, wie es vorher war. Ich bin nicht erleuchtet, ich weiß nicht die ultimative Lösung, aber ich habe ein Starterkit der Weisheit, wie mein Wahlgroßvater immer sagt. Ich finde immer wieder neue Momente, in denen ich denke: „Ja, das ist wahre Männlichkeit, wahres Mannsein.“ Ich habe eine völlig neue und dennoch irgendwie die gleiche Beziehung zu meinem Vater. Er ist nicht mehr mein Held und dennoch ein ganzer Mann, zu dem ich aufblicken kann und der stolz auf mich ist.

Mannsein heißt, anfangen

Mannsein. Eigentlich war ich ein Junge und dachte wie ein Junge, auch wenn mir das Leben subtil zeigte was ein echter Mann ist, was er sein könnte. Jetzt bin ich ein Mann und ich lebe als Mann. Tag für Tag, auf ein Neues. Tag für Tag lerne ich, was Mannsein ist, was Christsein ist. Und jeden Tag merke ich: Ich stehe noch ganz am Anfang. Ich glaube, das ist männlich: das Anfangen. Trotz aller Schrecken, trotz allen Scheiterns. Anfangen. Denn ich bin mehr als bloß meine Fehler, meine Erfolge, mein Aussehen, mein Gehalt, mein Character, meine Hobbys. Ich bin nichts von all dem und doch viel mehr.

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