Verbundenheit

Verbundenheit

In den Bann gezogen

Es war etwa zwei, drei Wochen nach Beginn des Corona-Lockdowns: Ich ging mit meiner Frau morgens die Hunderunde durch den Wald. Überall reckten sich die ersten Blätter aus den Knospen, hier und da sprießten zarte Triebe aus dem noch kühlen Boden, die Sonne schien mild, aber noch nicht stark. Ein Buchenzweig hing in meinen Weg, Ich blieb stehen, sah genauer hin: An dem Zweig entfalteten sich gerade die ersten Blätter aus den Knospen, die durchsichtigen braunen Hüllen hingen noch am Zweig und doch war das keine Blatt schon vollkommen angelegt. Hellgrün, mit sehr feinen Blattrispen hing es wie eine Wedel im Licht, das  durch die zarte Blattoberfläche schien und mich mit hellgrünem Schimmer in seinen Bann zog.

einssein Frühling natur

Einverstanden sein

Und plötzlich gab es da nur noch dieses zarte Blatt und mich. Ich konnte spüren, wie es sich reckte, wie es das Leben nach außen trug, zeigen wollen „He, hier bin ich. Mich hält nichts auf.“ Nichts gab es außer dem Blatt und mir – nicht meine Frau, nicht den Hund, nicht den Wald. Ich und das Blatt – in einem auf die Ewigkeit ausgedehnten Moment. Dabei hatte ich das Gefühl, diesen Anblick zum ersten Mal zu erleben. Tränen stiegen mir in die Augen, die Kehle wurde mir eng.

Ich war da. Einfach nur da, in diesem Augenblick angefüllt mir der Kraft all dessen, was uns (er)hält. Ruhe, Frieden, Einverstanden-sein – alles war in diesem Moment in mir und ich war eins mit allem und doch ich ganz selbst.

Zwei Lidschläge Einheit

So etwas hatte ich zuvor schon erlebt, anders und doch gleich. Da war zunächst die völlige Loslösung vom Alltag, ein Ablegen während einer Phase der MROP in Weibern / Österreich, ein „Sich-einfinden“ mitten in der Natur, gipfelnd in einem Dialog, aus dem das Gebet „Und ich hatte Adler erwartet“ stammt.
Dann im Sommer 2019 mitten in der Stadt unter tausenden hektischen Menschen sah ich im Bruchteil einer Sekunden einen kleinen Punkt vor mir – etwa zwei Meter schräg oberhalb von mir. Nein, es war nicht eine jener Schlieren, die der Alterungsprozess uns in die Pupille zaubert, oder die bei Stress auftauchen. Dieser Punkt war anders. Warm, hell, fast gleißend, aber nicht blendend. Leuchtstark, aber nicht kalt, sondern warm, anziehend, irgendwie tief. Ich fühlet mich darin unendlich geborgen.

Zurückgekehrt, furchtlos

Ich trat kurz zur Seite, um dieses Phänomen einzuordnen.Und wurde eingeordnet:
Das Licht breitete sich aus. Der punkt  wurde etwa tischtennisballgroß und wärmte mich – von innen. Ich ließ los und war angekommen – zurückgekehrt. Das war Heimat, das war ich und doch wieder nicht. Wenn das der Ort sein sollte, auf den wir hinleben, warum nicht? Was fürchten wir?

Dieser Lichtball wurde nicht zu meinem ständigen Begleiter. Auch das Erlebnis mit dem Blatt hat sich so nicht wiederholt. Aber ich habe diese Erinnerung tief in mein Gefühlsgedächtnis eingeprägt, bereit es wiederzuerkennen, wenn mir diese Verbundenheit wiederbegegnet, wenn ich mich wieder eins fühle mit allem.

Kennst Du solche oder ähnliche Erlebnisse? Magst Du Sie mit uns teilen? Dann schreibe Sie gerne unter diesen Beitrag, Ich brauche deinen Namen, kann ihn dann aber vor der Veröffentlichung gerne zu Deinem Schutz abkürzen.

Pace e bene, Stefan

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Sascha N.

    Lieber Stefan,
    Sehr berührend deine Beschreibung, einen Schatz wahrzunehmen der uns allen so offen ist und doch von den meisten noch durch Bewusstsein überdeckt und übersehen wird. Wenn ich morgens die Sonne begrüßen darf und abends sie verabschiede, dann ist es nie ein gleiches und trotzdem mir immer ein vertrautes und neues Erleben, was mich berührt. Wenn die Schönheit der Wahrnehmung mich so berührt, erfüllt sich der Geist des Verstehens meiner und ich frage mich: Wie und womit kann ich dem Paradies hier dienen? Was ist mein innerer erlebter Einklang im Ausdruck nach außen in der Welt?

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