Literatur: Ist Männlichkeit toxisch?

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Ist Männlichkeit toxisch Buchbesprechung Rezension

Männlliche Integrität?

Die Vorstellungen, wie ein Mann zu sein hat, verschwimmen immer mehr. Unsicherheit macht sich breit. Nicht erst durch die #MeToo-Debatte wird die Integrität des Mannes schlechthin in Frage gestellt.

Der Mann als solcher gilt vielen als aggressiv, machtgierig, unterdrückend und sexistisch, fremdenfeindlich, nationalistisch gewalttätig, kurz als toxisch, vergiftet oder vergiftend.

Gutes Leseschema, aber...

Das Buch „Ist Männlichkeit toxisch“ folgt diesem Urteil nicht, sondern hinterfragt es. Es bedient sich dabei keines einheitlichen, durchgehenden Fließtextes, sondern ein Leseschemas. Wer nicht mehr als 30 Minuten Zeit hat, liest die am größten geschriebenen Texte. Hat man etwas mehr Zeit, liest man alles bis auf die am kleinsten geschriebenen Texte.

Doch das Leseschema, offenbar gedacht für die Generation Internet, hat auch einen Pferdefuß: Der Leser wird verleitet, die kleiner geschrieben Texte nicht oder nur flüchtig zu lesen, und zu glauben, das Thema des Buches ganz erfasst zu haben.

Das Leseverhalten hinterfragen

Mein Tipp: Achtet auf Euer Leseverhalten und hinterfragt es. Solltet Ihr bemerken, dass Ihr nur die groß geschriebenen Texte lest, tut dies konsequent bis zum Ende des Buches und beginnt dann mit dem Lesen von Vorne.

Bei diesem zweiten Lesen konzentriert Ihr Euch darauf, wirklich alle Texte inklusive der Bildunterschriften zu lesen. Auch dann werdet Ihr wahrscheinlich nicht mehr als zwei Stunden dafür  brauchen, um das ganze Buch durchzulesen.

Fünf grundlegende Kapitel

In ihm trägt Andrew Smiler auf den 144 Seiten zwar nicht die komplette Geschichte „des Mannes“ zusammen, aber er beleuchtet sie mit den wichtigsten Schlaglichtern. Dafür gliedert er sein Buch nach einer kurzen Einführung in fünf Kapitel:

In diesem Abschnitt beschreibt Smiler wie der Begriff Mann / Männlichkeit in der Geschichte der Menschheit entstanden ist und wie er sich bis heute entwickelt hat.

In diesem Kapitel beleuchtet er, unter welchen Bedingungen Gewaltbereitschaft und Gewalt unter Männern generell akzeptiert ist und benennt, welche unmittelbaren Folgen dies hat – für Politik, Gesellschaft, Familien und die Männer selbst: Die meisten Gewaltverbrecher sind Männer, sie stellen aber auch die größte Gruppe unter den Selbstmördern. Und Männer sterben früher als Frauen. 

Hier entwickelt Smiler ausgehend vom männlichen Ideal der Unabhängigkeit eine Idee davon, warum Männer es so schwer mit und in Beziehungen haben: Härte, Machtstreben, Unterdrücken von Emotionen und das kapitalistische Wirtschaftssystem kommen hier zur Sprache. Und er fragt, ob das heutige Männerbild schädlich für Frauen ist. Gleichzeitig weist er daraufhin, dass es auch Männer gibt, die Opfer häuslicher Gewalt, von Missbrauch und Vergewaltigung werden.

Dieses Kapitel beschreibt, was nötig ist, damit Männer ein gesundes Verhältnis zu ihrer Männlichkeit, ihrem Mannssein finden, ohne dafür feste Schemata oder vorgefertigte Antworten zu geben. In der Regel sind es Anregungen oder Hinweise, in welchen Gruppen oder Beziehungen oder durch welches Verhalten Männer wachsen oder ihre Vorstellung von Männlichkeit weiterentwickeln und leben können.

In diesem Abschnitt bietet Andrew Smiler ebenfalls keine einfachen Antworten auf seine Grundfrage, sondern ändert diese Grundfrage ab: Welche Männlichkeit, welchen Mann wollen wir und was muss dafür passieren?

Erstaunliche Tiefe

Smiler zeigt dabei in den generell sehr kurzen aber pointierten Texten erstaunliche Tiefe:
Etwa wenn er die Bedeutung der Liebe als unumstrittenen Teil jeder Männerfreundschaft des 19. Jahrhunderts beschreibt oder wenn er die US-Soziologin R. W. Connell zitiert, die die gleichzeitige Existenz mehrerer Männlichkeitsideale innerhalb einer Gesellschaft für möglich hält.

Grundsätzlich wird Smiler, wenn er die Möglichkeit beschreibt, dass sich neue, positiv besetzte Männlichkeits-Ideale entwickeln werden und gleichzeitig die Frage stellt, ob der einzelne Mann in unserer Gesellschaft frei genug ist, seine eigenes Vorstellung von Männlichkeit zu entwickeln und diese dann auch leben.

Fazit

Das Buch gibt einen recht guten Überblick über das Thema Männlichkeit von den Ursprüngen bis heute und regt zur Diskussion an, weil es keine vorgestanzten Antworten oder Lösungen anbietet.

Mit Hilfe der Bücherliste, die leider überwiegend englischsprachige Bücher und Studien enthält, finden Einsteiger weiterführende Literatur zum Thema. Wer sich jedoch schon länger mit dem Thema Männlichkeit und Mannsein beschäftigt, dem bietet das Buch nur wenig neue Ansätze.

„Ist Männlichkeit toxisch? Große Fragen des 21. Jahrhunderts“, 144 Seiten, mehr als 200 farbige Fotos und Illustrationen, Verlag #dkkontrovers; ISBN 978-3-8310-4011-7, 12,95 Euro

Anmerkung: Diese Rezension wurde unterstützt vom Verlag #dkkontrovers. Vielen Dank dafür.

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