Literatur: Verborgen und doch nah

Literatur: Verborgen und doch nah

Du bist so verborgen und doch so nah

Was ist Mystik? Was ist ein  Mystiker? Wie wird man ein Mystiker? Dieses Buch zeigt, dass jeder ein Mystiker ist oder werden kann, wenn er Gottes immerwährende Gegenwart erkennt und sich darum bemüht, sie im Alltag und tief in sich zu erfahren. Und: Das Buch bietet sehr gute Hilfsmittel auf diesem Weg der Mystiker.

Es ist gut gegliedert. Die 13 Kapitel, beginnend und endend mit dem Blick auf die Achtsamkeit, greifen alle Punkte auf, die für den Mystiker und die Mystikerin wichtig sind: Versuchung, Unklarheit über den mystischen Weg und die Gottesbeziehung überhaupt. Der Franziskaner Albert Haase schreibt über die Überraschung in der Mystik ebenso wie über die Durststrecken und das Versagen im Gebet und der Stille, fordert zum Handeln auf und bietet praktische Übungen, um spirituell zu leben und die eigene Praxis zu entwickeln und zu vertiefen. Gleichzeitig warnt er  vor den Plattheiten, etwa beim Fasten, wenn er Papst Franziskus zitiert, der vom Fasten um des Fastens willen spricht. Das alles hat Tiefe und Wert.

Erfahrung weitergeben

Ebenso der Aufbau der Kapitel. Es gibt einen allgemeinen, thematischen Teil, der anhand von Beispielen und persönlichen Erfahrungen das jeweilige Thema behandelt. Dazu kommen praktische Übungen und nachdenkenswerte Fragen. Sie sollen helfen, das jeweilige Thema persönlich anzugehen, zu erproben und zu erleben und zu vertiefen.
Der Leser merkt: Hier schreibt ein Mensch, der seit Jahren kontemplativ lebt, seine Erfarungen weitergibt und die Höhen und Tiefen ausgekostet hat. Der in unzähligen Gesprächen Erfahrungen anderer gesammelt hat und alles als Hilfestellungen an Andere weitergeben will.

Schöne Bilder und Anleitungen

Immer wieder verwendet Haase schöne Bilder und gibt gute Anleitungen, etwa wenn er einen seiner verstorbenen Franziskaner-Brüder zitiert, der von Baby-Schritten sprach, wenn wir Menschen auf die Einladung Gottes antworten. Oder wenn er als Werkzeug das Willlkommensgebeit anbietet, mit dem wir auch dunkle, schwache Seiten von uns  akzeptieren lernen. Dagegen  wirken etliche der Ziate aus seiner Praxis als geistlicher Begleiter hölzern, fast schon unecht.

Hinzu kommt, dass Albert Haase an einigen Stellen schlicht von „der Sünde“ spricht, ohne zu sagen, was er darunter versteht. Das baut Distanz auf. Während andere Autoren „Sünde“ als „Entfremdung des Menschen von Gott“ deuten oder erklären, lässt Haase seine Leser mit dem Begriff alleine. Und liefert sie der Spekulation aus über das, was dahintersteht: Ist vielleicht doch das von den Kirchen als Machtinstrument missbrauchte Wort gemeint oder doch eher der Ansatz einer Beziehungsstörung? Ein aufklärender Satz hätte hier geholfen. Er fehlt leider.

Auslagern von Ursachen

Auch die Personifizierung des Bösen oder der Versuchung als der Teufel beziehungsweise der Satan (zum Beispiel auf Seite 100 ff) ist wenig hilfreich. Denn diese Personifizierung, dieses Auslagern der Ursache von Verfehlungen aus dem  Menschen heraus in eine neben Gott dritte Person liefert dem Menschen die Ausrede frei Haus, untätig zu bleiben: „Es liegt nicht an mir, der Teufel war stärker.“ Statt den Menschen die Ursache in sich  und seinem inneren Dualismus suchen zu lassen, gibt das Buch dem Menschen die Möglichkeit wie in Kind zu rufen „Ich war’s nicht.“

Gleichzeitig nimmt Haase dem angehenden Mystiker damit die Chance, sich an der Unbegreiflichkeit Gottes, seiner nicht auszulotenden Komplexität und Non-Dualität abzuarbeiten, indem er dessen dunklen Aspekte einer von Gott getrennten Person, nämlich dem Teufel, zuordnet.

Fazit

Das Buch ist gut aufgebaut und arbeitet mit sehr vielen guten Bildern, Beispielen und Angeboten für den Leser. Etwa die Übungen und Fragestellungen am Ende jedes Kapitels, die den Leser anleiten, ihn  schrittweise auf den Weg des Mystikers führen oder erkennen lassen, wo er steht. Sprachlich, etwa bei den Begriffen Sünde, Teufel/Satan fällt das Bucht ab, weil Erklärungen bzw. Deutungen dieser Begriffe fehlen. Das kann Anfänger, die noch keine Klarheit über Ihre Haltung haben, irritieren.

„Du bist verborgen und doch so nah“ von Albert Haase, Brendow Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3-96140-171-0, Preis 15 Euro

Anmerkung: Diese Rezension entstand mit freundlicher Unterstützung des Brendow Verlages, der mir das Buch „Du bist so verborgen und doch so nah“ kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Danke für diese Unterstützung. 

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