Die Not rückt näher

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Begegnungen am Rand

Die Ehrenamtlichen der ökumenischen Initiative, die die Teestube Sarah am Hans-Albers-Platz in Hamburg St Pauli trägt, begegnen auf ihren Rundgängen auch zahlreichen Obdachlosen, die sie zum Teil mit Namen kennen. Auch wenn diese nicht die Zielgruppe der Männer und Frauen sind, die die Prostituierten mit warmem Kakao, Süßigkeit und Kondomen  versorgen, können sie sie doch nicht übersehen. 

Wohnungslose in Hamburg

Der Ukraine-Krieg und seine Folgen trifft viele Menschen in Deutschland – Gas, Strom Sprit aber auch Lebensmittel und Getränke werden teurer. Wer in Hamburg eine Wohnung hat, spürt es am Geldbeutel, andere auch an der Zahl derer, die bei den Tafeln mit ihnen in der Schlange stehen. Doch besonders hart trifft es die Wohnungslosen, umgangssprachlich Obdachlose genannt.

Von denen gibt es in Hamburg mehr als in anderen deutschen Städten. Genau gesagt: fünf Mal mehr als in einer durchschnittlichen deutschen Stadt. Hamburg ist laut Diakonischem Werk Deutschlands Hauptstadt der Wohnungslosen. In der reichen Kaufmannsstadt leben pro 100 000 Einwohner 1000 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Das sind rund 19 000 Menschen. Knapp die Hälfte davon ist unter 25 Jahre alt. Der Haken: Als wohnungslos gelten laut Statistik nur Menschen, die in öffentlichen Unterkünften leben. Das sind mehr als 12.000 Geflüchtete, die wohnberechtigt sind, aber noch keine eigene Wohnung gefunden haben. Nicht erfasst sind jedoch Menschen, die bei Freunden oder Familien untergekommen sind oder auf der Straße leben. 

Vor allem letztere, also Menschen, die mit dem wenigen, was sie haben, buchstäblich auf der Straße sitzen, werden immer sichtbarer. Nicht nur auf St Pauli, sondern in der ganzen Stadt. Sogar in Bussen und Bahnen kann man nicht mehr übersehen.

Die Not rückt näher

Ich lebe behütet in einem Vorort von Hamburg, fahre mit Bus und S-Bahn zur Arbeit und merke dabei, wie die Not immer näher rückt. Da sind zum einen die vielen Männer und auch immer mehr Frauen, in den späteren Stunden schlafend von Endstation zu endstation fahren und sich aufwärmen. Aber auch diejenigen, die in zugigen Eingängen der Kaufhäuser und S-Bahnstationen „Platte machen“. Hier kennt man sich oft schon vom täglichen Vorübergehen, begegnet sich mit einem kurzen Kopfnicken oder einem verkrampften Lächeln meinerseits – was soll ich tun? Mehr als etwas Geld geben, kann ich nicht, oder?

Wie neulich, der Frau im Hauptbahnhof. Sie, ich schätzte sie auf etwa 30 Jahre, recht gut und warm gekleidet, bat mich um 2 Euro: „Mir fehlen noch sechs Euro für ein Hotelzimmer.“ Ich gab ihr das Geld. Als sie sofort danach meinen Nebenmann mit demselben Satz ansprach versetzte mir das einen Stich: Denn eigentlich fehlten ihr doch nur noch vier Euro, ich hatte ihr ja schließlich zwei Euro gegeben… warum stört mich das? Es kann mir doch egal sein, was sie mit dem Geld macht. Mehr noch: Es geht mich nichts an. Wenn die Münze in ihre Hand fällt, gehört sie ihr. Sie darf damit machen, was sie will – genau wie ich mit meinem Gehalt. Wir sind ein freies Land. Und trotzdem…

Grundsätzlich drängt es die Obdachlosen in die City. Der Grund ist einfach: Hier gibt es mehr Laufkundschaft, hier sind die Chancen größer, durch Schnorren an Geld zu kommen. Doch das ruft den Widerstand der Geschäftsleute auf den Plan. Sie wollen nicht, dass die Armut sichtbar wird und den Glanz der Leuchtreklamen und eleganten Auslagen trübt. Deshalb verscheuchen Sie die Obdachlosen aus den Eingängen der Geschäfte oder drängen sie in Nebenstraßen ab. Aus den Augen aus dem Sinn. Doch nachts, wenn die Geschäfte geschlossen und die Straßen leer sind, kehren sie zurück, campieren an den Straßen, vor den Geschäften oder schlafen in Lieferanten-Eingängen. Denn die Notunterkünfte reichen längst nicht mehr aus. Die wohnungslosen Menschen verelenden immer mehr, zitiert das Hamburg Journal des NDR den Geschäftsführer des Straßenmagazins Hinz&Kunzt, Jörn Sturm: „Das kann nur geändert werden, indem wir Angebote machen, die die einzelnen Obdachlosen auch bei ihren Problemen abholen.“ Die seien sehr unterschiedlich, so Sturm in dem Interview. Sie reichten von purer Armut, psychischen Problemen, Alkoholsucht bis zu multiplen Erkrankungen.“ ->

Offensichtliches Leid:

Wie sehr Obdachlose leiden, können erfuhr ich Anfang Dezember im Hamburger Hauptbahnhof: Dort saß ein offensichtlich verwirrter Mann bei Temperaturen von minus drei bis vier Grad auf dem Boden des Bahnsteigs. Schmutzig, nur auf Socken, die dünnen, dreckig-zerrissenen Jacke wärmte ihn nicht wirklich, wimmerte er vor sich hin, zog die Socken immer wieder an und aus, kratzte sich die Beine und Arme wund und redete weinend Unverständliches vor sich hin. Alle – auch ich – hielten Abstand, aus Angst, vor seiner Reaktion und möglichen Ansteckungen, aus Scham, selbst so privilegiert zu sein und dem Wissen, wie schmal der Grat ist zwischen „unserer Welt“ und „seiner Welt“… Hilflos, fast verängstigt fragte sich jeder: Was tut man in so einer Situation? Und tat nichts…

Und dann sind da noch die Wohnungslosen in Menschen, die mit Ihren Leiden um Aufmerksamkeit heischen, die mit offenen, schlecht verbundenen Beinen sich humpelnd Dir nähern.  Oder wie die kleine zierliche Frau, die schon weinend in die Bahn stieg und die, als ich sie bat, mich kurz aussteigen zu lassen, sich kreischend abwandte und dann zusammensank mit den Worten „Fass mich nicht an! Meine Haut brennt schon überall.“ Bin ich empfindlicher geworden oder gibt es mehr Menschen in Not, die nicht mehr wissen, wo sie Schutz finden mit ihrem Leid? Ich vermute letzteres.

Die immer gleiche Geschichte

Zurück zur S-Bahn. „Hallo Leute, ich bin Uwe. Ich lebe seit zwei Jahren auf der Straße. Mein Antrag auf Wohngeld….“ Ich höre schon nicht mehr hin, wenn Uwe, Jan, Miriam oder wie sie immer sie sich auch vorstellen, durch die S3 tingeln, mit ihrem immer gleichen Singsang von ihrer Not erzählen. Zu oft haben wir – ich und die anderen Pendler in der S3 – diese Geschichten schon gehört, als dass wir sie noch wahrnehmen würden. Das ist gefährlich: Wer sich langweilt, öffnet nicht sein Portemonnaie.

Ich gebe zu: Das Schnorren in der Bahn nervt mich. Aber noch mehr nervt mich, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dass ich mich bei jedem Kontakt mit einem oder einer Obdachlosen hilflos und schuldig fühle.

Warum? Ich kenne mein Gegenüber nicht, ich weiß nicht, warum er oder sie in dieser Situation steckt. Ich habe sie nicht verursacht, weder direkt noch indirekt. Und dann steht da einer oder eine vor mir und will Beachtung, Zuwendung – wenn auch nur materiell. Vielleicht ist es das: das Gefühl, dass die Not näher rückt und größer wird. Vielleicht ist es die Angst, dass ich an seiner oder ihrer Stelle stehen könnte? Gleichzeitig werden die Sicherheiten, die unsere Gesellschaft bietet, in und mit denen wir gelebt haben, brüchig, unzuverlässig.

Café Sarah

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Das Café Sarah am Hans-Albers-Platz 17 in Hamburg St. Pauli wird getragen vom Ökumenischen Dienst St. Pauli e.V. . Der Verein freutr sich über Spenden auf seinKonto bei der Hamburger Sparkasse (Haspa)
IBAN  DE86 2005 0550 1001 2192 92
(BIC: HASPDEHHXXX)

 

Doch was kostet es mich, das Geld mit einem Lächeln auf den Lippen in den Becher oder die Hand zu legen? Was kostet es dem Verkäufer von Hinz&Kunzt nicht nur die Zeitung abzukaufen, sondern mit ihm ein paar Worte zu wechseln? Was kostet es, der Frau, die am Hintereingang des Alsterhauses auf ihrem kleinen Klappschemel sitzend die Hand aufhält und sich für jeden Cent gleichbleibend freundlich bedankt, nicht nur Geld und ein Lächeln, sondern fünf Minuten Zeit oder mehr zu schenken?

Nichts. Mir geht es gut. Ich kann geben, ohne dass es mich in Not bringt. Ich muss nur ehrlich bekennen: Die Not rückt näher und auch damit meine Angst vor dem Abstieg. Gegen diese Angst hilft nur Mitgefühl und ein offenes Portemonnaie. Denn genau würde ich brauchen, wenn ich selbst in dieser Situation wäre.

Anmerkung: Dieser Artiikel von mir erschien erstmals im Heft 43 der Teestube Sarah im Frühjahr 2023